Sind wir denn da, wo wir sind?

Was macht der Mann, wenn sich langsam aber brutal die 5 als erste Ziffer des Lebensalters einschleicht, wenn er feststellt, dass er sogar für eine anständige Midlife-Crisis zu alt geworden ist und wenn er seinen Urologen häufiger sieht als die Badminton-Kumpels? Nun, manche ziehen sich ins Eremitendasein mit der Flasche Bier und dem Premiere-Decoder zurück, manche kaufen sich fußfreundliche Sandalen und eine Digitalkamera und belästigen mit ihrem Anblick Menschen in fremden Ländern – und einer hat sich hingesetzt, Texte über die letzten 25 Jahre Männerdasein verfasst und zwei Freunde angerufen, die Musik mit Akkordeon und Cello dazu machen. Und die spannen ein klingendes Netz aus Tango, Bossa, Jazz, Blues, Rock, nordischer Folklore, mittelalterlicher Weise, Minnesang und Neuer Musik, auf dem die Beteiligten sich halsbrecherisch – aber souverän, mit Mut zum Risiko und das Ziel fest vor Augen – entlanghangeln.

Das Programm Sind wir denn da, wo wir sind? handelt von der Geschichte einer Männergeneration, die zwischen der Gründung der Republik und der letzten Meisterschaft von Schalke 04 geboren wurde und die immer einen Tick zu spät oder zu früh dran war: Zu jung, um bei den 68-ern mitzumischen, zu alt für die Null-Bock-Generation und den Punk. Das Programm beginnt in der zweiten Hälfte der 70-er, als Lederjacken noch cool, Eltern spießig und lange Haare hip waren. Die Texte handeln von dem Gefühl, dass einem die ganze Welt offen steht. Von Liebe, Sex und Beziehungen. Von den 80-ern und dem langen Abschied vom Jung-Sein. Von den 90-ern und der Erkenntnis, dass man sich längst auf einer Schiene befindet, die unmerklich aber unendlich Gefälle hat. Die Frage nach dem ewigen Leben kommt irgendwann zur Jahrtausendwende auf; der Blick wandert nach unten, während man im Wartezimmer des Urologen sitzt und man wackelt mit den Zehen in den fußfreundlichen Sandalen. Aber wenn man über all das singt und spricht, dann kommt sogar manchmal Genugtuung auf. Zum Beispiel wenn eine 16-jährige zuhört und einigermaßen entsetzt fragt: „Und das kommt noch alles auf mich zu?“ Dann weiß man: Man ist, wo man ist – und man hat das meiste schon hinter sich.